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Die Sprachbürgerschaft - Ein Dialog

Grüßgott! Ich habe Sie schon öfters gesehen. Was machen Sie denn hier in unserer Sprache?

Ich lebe schon seit einigen Jahren hier und tue viel lesen und auch einiges schreiben.

So? In welcher Sprache sind Sie denn geboren?

In der amerikanischen.

Haben Sie dort gelernt in dieser Sprache zu leben?

Nein, erst als ich hier war.

Wie sind Sie auf diese Sprache gekommen? Ich meine ist nicht gerade die amerikanische die Sprache der unbegrenzten Möglichkeiten?

Na ja, es hat sich halt so ergeben, dass ich hierher gelandet bin, zuerst auf Besuch und dann auf Dauer. Und die amerikanische ist doch nicht all das, was sie so verspricht, meiner Meinung nach.

Aha. Wie lange leben Sie schon da?

15 Jahre ungefähr.

Und Sie schreiben schon in unserer Sprache?

Ja.

Aber meinen sie denn diese Sprache hier, die vielen Worte, die anspruchsvolle Grammatik, schon so gut zu können, dass Sie auch darin schreiben können? Ich meine, das können eben viele nicht, die hier in dieser Sprache aufgewachsen sind.

Na ja, mit der Sprache und ihren Sprechenden komme ich ganz gut zurecht denke ich.

Haben Sie die Sprachbürgerschaft überhaupt?

Wie bitte?

Die Sprachbürgerschaft, dass Sie völlig Sprachberechtigt sind. Haben sie so was nicht?

Nein, diese Auskunft ist mir absolut neu.

Na dann kann ich mir schwer vorstellen, dass Sie hier schreiben dürfen.

Meinen Sie?

Na ja, Sie sind vielleicht eh kompetent aber man muss halt Grenzen ziehen, wissen Sie. Sonst würde ein jeder, der zu uns kommt, glauben, dass er sich gleich in unserer Sprache mitmischen kann. Was schreiben Sie denn so?

Ich mache gern Wortspielereien.

Das trauen Sie sich? In dieser Sprache, in der sie gar nicht geboren sind. Ohne sprachlicher Erlaubnis? Haben sie mindestens eine Sprachbewilligung?

Sprachbewilligung?

Um Gottes willen, sagen Sie, sie kennen das auch nicht? Nicht nur dass sie sprechen, lesen und schreiben ohne jede Hemmung, sie haben sich noch gar nicht mit der rechtlichen Sprechlage beschäftigt. Eine Frechheit eigentlich. Genau auf solche Eindringliche wie Sie müssen wir uns in dieser Sprache genau achten. Sie kommen rein in die Sprache, bilden Sie sich ein, sie könnten die Sprache auch besser machen, mischen Sie sich überall ein und meinen, Sie dürften auch noch in unserer Sprache spielen. Und das alles noch ohne Sprachbürgerschaft oder gar Sprachbewilligung. Sie sind vielleicht ein Sprachanarchist oder Anführer einer Sprachensekte.

Ich fürchte ich muss Sie anzeigen. Tut mir leid.

Bei wem wollen Sie mich anzeigen?

Bei der Sprachpolizei! Ich gehe sofort aufs Sprachwachamt. Auf Wiedersehen.

Juli 2003

Sherri Lyons-Halmer (nun Spelic)

Auszug aus dem Buch:

Leadership Coach, Educator, Workshop presenter & facilitator, avid reader & writer @ home on the edge of the alps. Publisher of "Identity, Education and Power"

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